Termine

Allgemein, Blog only

Am Freitag moderiere ich auf der Frankfurter Buchmesse zwei Podien:

Um 11 Uhr wird es um Urheberrecht und Wissenschaft gehen, abermals auf dem Blauen Sofa von B.I.T.-Online:

„Urheberrecht aktuell – Technik ja, Jura nein“

auf der Hot Spot Stage „Professional & Scientific Information“
in Halle 4.2, Stand P 457 in unmittelbarer Nähe zum ILC

Um 16:15 Uhr geht es dann um die moderne Informationsbeschaffung für Juristen:

„Juristische Expertise heute? Kompetenzen vernetzen!“

Messegelände, 4.2 B 408, Sparks Stage 4.2

Außerdem besuche ich auch wieder einmal die Mediatage Nord in Kiel. Am 16. November um 18:30 darf ich dort über Computerspiele diskutieren (ich nenne es Arbeit!):

Computerspiel & Web 2.0 – Potential für Wirtschaft und Erziehung?

Haus der Wirtschaft in Kiel

Freue mich natürlich stets über bekannte Gesichter.

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Der dreifache Verrat der Silvana Koch-Mehrin

Allgemein, Blog only, Glosse

Nein, so leicht darf man es „der einen blonden FDP-Frau“ einfach nicht machen. Leider fällt es der Öffentlichkeit gerade ein bisschen schwer, sich anständig zu empören. Ich möchte helfen: Frau Silvana Koch-Mehrin hat nicht weniger als einen dreifachen Verrat auf sich geladen. Am Wähler, an der Wissenschaft und an der europäischen Integration. Und der FDP-Vorsitzende Philipp Rösler beteiligt sich daran. Da ist ein bisschen Empörung angezeigt.

Dass die 40jährige mit ihrem erschummelten Doktortitel auf Wahlkampftour ging, ist bedauerlich und war bereits ein Verrat an den Wählern, Verrat Nummer 1. Nun klebt die überführte Plagiatorin an ihrem – spärlich ausgefüllten – Mandat und aktualisiert dieses Vergehen damit praktisch jeden Tag. Einen Grund dafür gibt es nicht, denn auch wenn ihre Schummelei keine Guttenbergschen Auswüchse erreicht, hat sie ihre Glaubwürdigkeit verloren.

Doch Koch-Mehrin wäre keine FDP-Politikerin, wenn sie nicht auch in der Niederlage an den Aufstieg dächte: Nun wird sie also „turnusgemäß“ Forschungspolitikerin, genauer: Vollmitglied im Ausschuss für Industrie, Forschung und Energie. Dort wird zwar nicht die Zukunft der europäischen Wissenschaft ausgehandelt – das wäre der Kulturausschuss. Peinlich für das Parlament ist es trotzdem. Läuterung und frisch gewonnenen Respekt vor der Wissenschaft zeigt die Abgeordnete mit den schönen Haaren damit nicht. Es ist vielmehr ein neuerlicher Verrat an der Institution Forschung – der Verrat Nummer 2.

Verrat Nummer 3 ist, ein bisschen wie manche Doktorarbeiten, ein Gemeinschaftswerk. Es ist schon beachtlich: Die Öffentlichkeit reagiert auf diese unglaubliche Posse überwiegend mit Relativierungen und Süffisanz, es fehlt jeder Ernst. Die Opposition im EP gefällt sich daran, laue Witzchen über diesen Schlag ins Gesicht zu reißen. Und die SPD auf Bundesebene? Verdaddelt abermals eine politische Steilvorlage. Es geht aber auch dieses Mal nicht um Fußnoten, nicht darum, dass im Elfenbeinturm ein Bleistift zerbrochen ist. Die FDP-Politikerin desavouiert mit ihrem schamlosen Verhalten die EU als demokratisch legitimiertes Forum. Es ist ein Verrat an der Europäischen Integration. Man stelle sich vor, Koch-Mehrin strebte in den Bildungs- und Forschungsausschuss im Bundestag. Wem diese Vorstellung misslingt, liegt richtig: Das ist nämlich schlicht unvorstellbar.

Dass FDP-Generalsekretär Christian Lindner dem Vorsitzenden Philipp Rösler auch in dieser Sache noch eine 100-Tage Frist gönnen möchte, ist blanker Unsinn. Diese Schonfrist dient dazu, dass ein Neuling im Amt nicht wegen unvermeidbarer Fehltritte auf unbekanntem Terrain von Journalisten politisch vernichtet wird. Diese Causa Koch-Mehrin jedoch ist nicht ungewöhnlich – sie ist ausgesprochen schlicht. Die richtige Antwort liegt auf der Hand.

Die Erklärung ist also eine andere: Es schert schlicht niemanden, was die in Straßburg geparkte Politikerkaste gerade treibt. Die Europäische Union als sich integrierender Staatenverbund stand zwar in der Öffentlichkeit noch nie hoch im Kurs. Dass auch die Politik sich auf diesem Gebiet nicht ernst nimmt, ist jedoch eine echte, eine beunruhigende Überraschung.

Guttenbergs Doktorarbeit: Straf- und Sprachtaten

Allgemein, Blog only, Erklärstück

Tag 2 in der Schummelrepublik Deutschland.

Ist ja nun fast alles zur Katastrophe KT aufgeschrieben: Die Studenten sind desillusioniert, Integrität als Leitmotiv der Politik abgelegt, Lügen ministrabel, usw.

Eines aber fehlt: Eine Notiz zum Sprachstil des Plagiats.

(Zum Thema Relevanz. Ich höre immer „Denk mal an Libyen.“ Ja, ich denke an Libyen: Die arabische Krise wird uns noch im nächsten Jahrzehnt beschäftigen, es ist ein zeitgeschichtliches, ein echtes Weltereignis. Aber ich bin eigentlich ganz froh, dass die Medienöffentlichkeit mehr als nur ein Top-Thema verträgt. Und deshalb geht es hier nochmal um KT.)

Die Änderungen in der ehemaligen Doktorarbeit sind sprachlich nämlich durchweg Mist. „Sein“ Text verstößt gegen mehrere anerkannte Stilregeln, was ich der Bequemlichkeit und Zeitnot halber nur an einem Beispiel von Spiegel Online aufzeigen will.

In den dort gegenübergestellten Fundstücken wird ohne Not

lateinisiert:

„im nachhinein“ zu „ex post“,

„Notwendigkeit“ zu „Maxime“,

„stellt … ab“ zu „rekurriert“,

„war eine andere“ zu – mein persönlicher Liebling – „war demzufolge differierend“

verschwurbelt:

„notwendig“ zu „unumgänglich“,

„europaweiter Öffentlichkeit“ zu „europaweite bzw. europäische Öffentlichkeit“,

(merke: „bzw.“ ist nahezu immer eine sinnlose, weil weder „und“ noch „oder“ meinende Verbindung)

aufgeplustert:

„Begriffe“ zu „Begrifflichkeiten“

„Lauf“ zu „Verlauf“

in Bürokratensprech übersetzt:

„hinsichtlich“ zu „betreffs“

anglizisiert:

„Zusatzartikel“ zu „Amendment“

Ein Überfliegen der Exzerpte in der „Kritischen Justiz“ (PDF) zeigt, dass es so immer weiter gehen könnte.

Die Änderungen führten in diesem Minibeispiel nicht zu einer einzigen stilistischen Aufwertung. Die Änderungen waren fast immer nicht inhaltlicher Art. Sie reichten auch nicht aus, um als eigene urheberrechtlich zulässige Leistung gelten zu können.

Und damit kommen wir von Sprache zu Strafe.

Das offensichtlich nicht von Stilbewusstsein geleitete, sinnfreie Ändern zeigt nämlich aufs Schönste, dass es sich um ein vorsätzliches, urheberrechtswidriges und damit strafbares Verhalten handelt.
KT, ein Straftäter? KTs Rhetorik ist eigentlich bewundernswert. Guttenberg meidet Behördenblabla und Dummdeutsch, er ist ein echter AC/DC-Minister. Nein, er war das nicht, nicht eigenhändig.

Es war sein schweigender Lakai, der es nicht so mit gutem Stil hat. Das rettet KT freilich nicht vor der Strafbarkeit – denn dafür genügt auch die Anstiftung zum Plagiat (§§ 106 UrhG, 26 StGB). Bis jemand den Ghostwriter zum Reden bringt, ist das leider alles graue Theorie.

Das Angebot mit dem Bier steht noch – ich erhöhe sogar auf ein Herrengedeck.

Juristen auf den Spuren der Unvernunft

Erklärstück, Print

FRANKFURT, 5. Januar. Juristen gelten als rationale Zeitgenossen. Ohne Ansehen der Person, mit verbundenen Augen, urteilt Justitia. Dennoch gibt es Grundannahmen über den Menschen in der Rechtswissenschaft. Das Bundesverfassungsgericht kennt das „Menschenbild des Grundgesetzes“. Ob ein Vertrag sittenwidrig ist, darüber entscheidet das „Anstandsgefühl aller billig und gerecht Denkenden“. Und im Strafrecht entscheidet die „Ex ante“-Sicht des Täters, also seine Perspektive zum Zeitpunkt der Tat, ob er den späteren Tod des Opfers in Kauf genommen hat. Dennoch haben Rechtswissenschaftler in Deutschland der empirischen Verhaltensforschung bislang nicht gerade Tür und Tor geöffnet.
Immerhin, Ökonomen dürfen seit einiger Zeit auch in deutschen Juristenkreisen mitreden. Vor etwa vierzig Jahren fiel mit einem Aufsatz des späteren Nobelpreisträgers Ronald Coase der Startschuss für eine neue Sicht der Dinge, genannt „Ökonomische Analyse des Rechts“. Das Recht setzt nur den Preis für Handlungsalternativen fest, glauben ihre Vertreter. Sie nutzen den Homo oeconomicus als Verhaltensmodell – den informierten, vernünftig handelnden Menschen, der seine Entscheidungen anhand von Kosten-Nutzen-Analysen fällt. Mit erheblicher Verzögerung ist diese Disziplin auch in Deutschland angekommen.
Doch dort hat inzwischen auch ihre größte Kritikerin Fuß gefasst: die Theorie von „Behavioral Law and Economics“, kurz BLE. Deren Grundthese lautet: Den Homo oeconomicus gibt es nicht, Menschen handeln irrational – das aber mit System. Sie bedient sich unter anderem der Erkenntnisse des Psychologen Daniel Kahneman und des Ökonomen Amos Tversky. Die beiden späteren Nobelpreisträger haben nachweisen können, dass Menschen, abhängig von bestimmten Faktoren, in vorhersehbarer Weise unvernünftig handeln („Prospect Theory“). Denn sie benutzen intuitiv das immer gleiche Arsenal von Faustregeln.
Holger Fleischer von der Universität Bonn macht etwa systematische Selbstüberschätzung dafür verantwortlich, dass ein hoher Prozentsatz von Unternehmenskäufen und -verschmelzungen scheitert. „Viele Unternehmensführer handeln überoptimistisch“, erläutert der Zivilrechtler und Ökonom die Wahrnehmungsverzerrung in vielen Vorstandsetagen. Solchen Missständen kann man regulatorisch begegnen. Aktienrechtlich kann schon jetzt ein Vetorecht des Aufsichtsrats die überoptimistische Kauflust abfedern. Doch die Verhaltenswissenschaften helfen nicht nur, schon existierende Regeln zu überprüfen. „Juristen können so auch Fälle identifizieren, in denen das Recht noch nicht in dieser Weise schützt“, glaubt Fleischer.
Eine andere Spielart der Selbstüberschätzung bezeichnet der „Rückschaufehler“. Menschen, die den Ausgang eines Geschehens kennen, überschätzen regelmäßig seine Vorhersehbarkeit. Kurz gesagt: Im Nachhinein haben es alle vorhergesehen, sei es nun ein Verkehrsunfall oder eine Unternehmenspleite. „Das kann beispielsweise dazu führen, dass Richter eine Haftung vorschnell bejahen, weil sie von einem zu rigiden Fahrlässigkeitsmaßstab ausgehen“, schrieb der Zivilrechtler Horst Eidenmüller von der Ludwig-Maximilians-Universität München in der Juristenzeitung. Vielleicht ist es neben anderen Ursachen auch dieser Rückschaufehler, der momentan Lehman-Geschädigte gegen ihre Bankberater aufbringt: Das Emittentenrisiko einer der größten Investmentbanken wurde von vielen Beratern vorher als zu vernachlässigende Gefahr belächelt. In der Rückschau erscheinen Lehman-Zertifikate vielen dagegen als Instrument für risikofreudige Zocker. Wie objektiv kann ein Richter hier entscheiden? Amerikanische Juristen diskutieren schon eine Art bewusster Gegenwehr gegen den Rückschaufehler. Richter sollen ihre menschlichen Bewertungen entzerren – und verkommen so zu Laienpsychologen, warnen Kritiker.
Besonders beliebt unter BLE-Vertretern ist aufgrund seiner gelegentlichen Irrationalität der Verbraucher. Das ihn schützende zweiwöchige Widerrufsrecht zum Beispiel – etwa für Käufe im Internet oder an der Haustür – widerspricht eigentlich seiner Natur. „Wir tendieren dazu, ein gerade für Geld erworbenes Gut auch dann zu behalten, wenn dies nicht nutzenmaximierend ist“, beobachtete Eidenmüller. Die Statistik bestätigt: Nur sehr wenige Verträge werden widerrufen. Eidenmüller rät, dass anstelle der jetzigen Widerrufsregelung Verträge innerhalb von zwei Wochen bestätigt werden und anderenfalls platzen sollten.
Noch ist diese junge Disziplin in Deutschland alles andere als etabliert. „Behavioral Law and Economics ist immer noch ein Orchideenfach“, räumt Markus Englerth ein. Der Rechtsforscher beschäftigt sich am Bonner Max-Planck-Institut zur Erforschung der Gemeinschaftsgüter mit der Verhaltenstheorie im Strafrecht. Er macht den „Konservatismus in der deutschen Rechtswissenschaft“ verantwortlich für die Zurückhaltung der hiesigen Juristen. Außerdem nehmen empirische Untersuchungen weit mehr Zeit in Anspruch als die in der Rechtswissenschaft bislang übliche Auswertung von Literatur und Urteilen.
Doch es gibt auch inhaltlichen Gegenwind: Ökonomen verteidigen ihren Homo oeconomicus als letztlich zutreffend, da der Markt das irrationale Verhalten ohnehin ausmerze. Rechtswissenschaftler fürchten wiederum um die Eigenständigkeit ihrer Disziplin. Und angesichts mathematischer Formeln in BLE-Arbeiten dürfte sich manch einer auf den alten Spruch besinnen: „Judex non calculat“ – der Richter rechnet nicht.