Termine

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Am Freitag moderiere ich auf der Frankfurter Buchmesse zwei Podien:

Um 11 Uhr wird es um Urheberrecht und Wissenschaft gehen, abermals auf dem Blauen Sofa von B.I.T.-Online:

„Urheberrecht aktuell – Technik ja, Jura nein“

auf der Hot Spot Stage „Professional & Scientific Information“
in Halle 4.2, Stand P 457 in unmittelbarer Nähe zum ILC

Um 16:15 Uhr geht es dann um die moderne Informationsbeschaffung für Juristen:

„Juristische Expertise heute? Kompetenzen vernetzen!“

Messegelände, 4.2 B 408, Sparks Stage 4.2

Außerdem besuche ich auch wieder einmal die Mediatage Nord in Kiel. Am 16. November um 18:30 darf ich dort über Computerspiele diskutieren (ich nenne es Arbeit!):

Computerspiel & Web 2.0 – Potential für Wirtschaft und Erziehung?

Haus der Wirtschaft in Kiel

Freue mich natürlich stets über bekannte Gesichter.

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Auf das LG Hamburg ist Verlass

Allgemein, Blog only, Glosse

LG Hamburg hat den Antrag auf einstweilige Verfügung gegen Googles Youtube zurückgewiesen – aber keine Bange, in der Sache bleibt das Gericht hart. Und um der Gema nicht den Mut zu nehmen, schrieb die dortige Pressestelle auch gleich noch eine Einladung in die Pressemitteilung: Doch, doch, in der Sache könnte das schon etwas werden, mit der Unterlassungsklage gegen Youtube.

Diese Frage müsste in einem Hauptsacheverfahren geklärt werden, sofern es den Beteiligten nicht gelingt, sich außergerichtlich zu einigen. Allerdings hat das Gericht darauf hingewiesen, dass viel dafür spreche, dass den Antragstellerinnen prinzipiell ein urheberrechtlicher Unterlassungsanspruch gegen die Antragsgegnerin zusteht. Es liege nahe, dass die Antragsgegnerin zumutbare Prüfungspflichten bzw. Maßnahmen zur Verhinderung erneuter Rechtsverletzungen nicht wahr- bzw. vorgenommen habe.

Die erste Eskalationsstufe im Kampf um Verantwortlichkeit der auch unter Musikpiraten immer beliebteren Streamingdienste ist damit nur aufgeschoben. Aus der Musikindustrie ist zu hören, dass man sich allmählich wegen der Streaming-Portale sorge. Das ist wohl berechtigt – immerhin hat die mächtigste Zeitung Deutschlands am heutigen Tage einen ganz besonderen „Download der Woche“  im Angebot: Einen kostenlosen Youtube-to-MP3-Konverter.

Der ist durchaus legal. Könnte ja sein, dass man aus dem lustigen Hundevideo mal dringend die Tonspur braucht. Als Hörbuch etwa, wie ein Gesprächspartner aus der Kreativindustrie heute etwas freudlos witzelte. Dass die Gratis-Mucke aus der Glotze inzwischen zu einem Anspruchsdenken geführt hat, die sogar zu Protestsongs inspiriert, zeigt uns Sid, der Liedermacher (< via @sixtus).

Ganz nebenbei: „Gericht demotiviert Abmahnanwälte“

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„BGH schützt WLAN-Betreiber“ oder „Karlsruhe bremst Freifunker“ – als Jurist hat man seine liebe Müh‘ mit guten Überschriften. „X-Gericht stärkt Y-Rechte“ ist der Klassiker, um aus einem im Idealfall schließlich sehr ausgewogenen Richterspruch eine Headline mit Tendenz zu hobeln. Heute ist es wieder einmal schwierig, denn der Bundesgerichtshof hat mit seinem Urteil über offene Funknetze eine typische einerseits/andererseits-Entscheidung getroffen.

Einerseits: Wer ein offenes WLAN betreibt, also nach juristischer Diktion eine „Gefahrenquelle“, haftet zwar als „Störer“. Wenn ein Dritter den Zugang nutzt, um aktuelle Songs den Gratisjunkies auf Pirateriebörsen feilzubieten, kann auch der Betreiber als Mittler gerichtlich zur Unterlassung herangezogen werden. Auf diese Gefahr können ihn nach dem nun verkündeten Urteil Anwälte freundlich hinweisen, ihn vulgo „abmahnen“ – dafür bekommen sie Geld und die Plattenindustrie verbreitet Angst und Schrecken. Das OLG Frankfurt hatte den Unterlassungsantrag noch verworfen, da er sich nicht auf eine ausreichend konkrete Verletzungshandlung bezogen habe (Az.: 11 U 52/07).

Andererseits: Der Anschlussinhaber muss immerhin nicht auch noch Ersatz dafür zahlen, dass der Rechteinhaber nun weniger Kompaktdisks verkaufen kann – was im Einzelfall recht teuer werden kann (hier verlangte die Klägerin nur 350 Euro), wenn für jeden Abruf der Piratendatei etwa ein itunes-Song gegengerechnet wird. Das Landgericht Frankfurt war hiervon noch ausgegangen.

„Stärkt“ das nun also die Kreativindustrie? Oder schränkt es die Nutzung offener Netze ein? Schützt es private WLAN-Betreiber vor Schadensersatzansprüchen?

Das eigentlich Bemerkenswerte am WLAN-Urteil ist das ober dictum – das Gericht ist eigentlich fertig mit der Sache, ihm fällt aber noch etwas Wichtiges ein, das es als „nebenbei Gesagtes“ dem Urteil hinzufügt. In diesem Fall nämlich, dass die Abmahnkosten für den Anwalt der Kreativindustrie nach geltendem Recht in einer solchen Konstellation auf 100 Euro begrenzt sind – obwohl diese Regelung für den konkreten Fall noch gar nicht galt. Das kann man nun wie folgt deuten: Auch in Karlsruhe hat man die Beunruhigung über den Abmahn-Wahn offenbar inzwischen vernommen. Vielleicht passt dies:  „Gericht demotiviert Abmahnanwälte“?

(Eine Entscheidung über das „schmarotzende“ – Oberlandesgericht Köln – Geschäftsmodell des WLAN-Sharings à la Fon steht übrigens noch aus – ob der BGH den WLAN-Altruismus dann wohl „stärkt“ oder gar „beerdigt“?)

Auf den Pfaden der Raubkopie

Allgemein, Erklärstück, Online, Print

Musik, Filme und Software kann jeder kostenlos, aber oft illegal im Netz herunterladen. Dahinter steht ein gutorganisiertes und exzellent ausgerüstetes Netzwerk von Spezialisten – die „Szene“.

FRANKFURT, 3. August. Conrad Diers ist 32 Jahre alt und entwickelt Software. Doch etwa drei Stunden täglich herrscht Conrad über ein Netzwerk von etwa 30 Servern, verschiebt gigantische Datenmengen, so schnell es nur geht. Er ist seit etwa neun Jahren Teil der „Szene“. Damals war er auf der Suche nach einem illegalen Computerspiel – und blieb in den Chatkanälen des konspirativen Netzes hängen. Seine Freundin finde sein „blödes Hobby“ natürlich „unmöglich“, sagt er. Aber die neuesten Serien, auf die Diers gratis zugreifen kann, die schaue sie sich dann doch ganz gern an.
In der Szene sitzen die Maschinisten der Gratiskultur: Übereinstimmende Schätzungen gehen davon aus, dass nahezu jeder kopierte Film und jedes geknackte Computerprogramm auf diese Gruppe zurückgeführt werden kann. Das Treiben der Szene ist illegal, meist sogar strafbar. Der Spiele-Verband BIU schätzt den dadurch entstehenden Verlust auf 10 Prozent des Gesamtumsatzes der Branche. Manche Spiele erscheinen inzwischen nur noch für Konsolen, weil dort Kopien weniger schnell die Runde machen. Das FBI und auch hiesige Staatsanwaltschaften gehen gegen die Gruppen vor. „Wenn ich Familie hätte, würde ich das nicht machen“, räumt Diers ein, der eigentlich anders heißt. Wegen einer Razzia mit 200 Polizisten soll sich nach Ansicht der privaten Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen (GVU) schon eine Formation aufgelöst haben. „Die jetzige Szene ist es nicht wert, das reale Leben dafür zu riskieren“, gab die Gruppe „Lightforce“ damals bekannt.
Den Mitgliedern oder einzelnen Gruppen der Szene geht es letztlich darum, wer die besten, begehrtesten Dateien am schnellsten auf die meisten Server verteilt. Dadurch landen die eigenen Teamnamen in den Ranglisten der Server auf den vordersten Plätzen. Neben Ruhm in der Szene winkt der Zugang zu weiteren Datenspeichern mit noch mehr Material. Das ist der Lohn für die Anstrengungen. Geld verdient mit den Rechtsverstößen vorgeblich niemand. Im Gegenteil, es wird reichlich investiert: In exklusive Hardware und schnelle Verbindungen in Gigabit-Dimensionen – „eine DVD ist in 30 Sekunden kopiert“, sagt Diers, „locker“.
Die erste Kopie kostet die Szene meist Bares. Darum kümmern sich die sogenannten „Release Groups“ – Szenegruppen mit Namen wie „Razor1911“ und eben „Lightforce“. Die GVU schätzt die Mitgliederzahl der Release Groups in Deutschland auf etwa 80. Diese bestechen zunächst einen „Supplier“: Angestellte in DVD-Presswerken, Verkäufer in amerikanischen Läden oder sogar Mitarbeiter von Software-Firmen bekommen etwa 150 Euro, damit sie ein Exemplar eines möglichst noch nicht erschienenen Films oder Programms beschaffen. Manchmal sitzt die Quelle sogar im Entwicklerteam der später vervielfältigten Software selbst. Die beliebtesten Kinohits werden zumeist in den Sälen abgefilmt. Doch die Mitschnitte im Kino sind riskant. Das zeigte sich kürzlich in Magdeburg: Als der neueste „Harry Potter“ gezeigt wurde, richtete der Filmverleih Warner Bros. Nachtsichtgeräte ins Publikum. Ansichtsexemplare etwa für die Presse werden beim Kopieren mit teils versteckten Wasserzeichen markiert, die helfen, den Täterkreis später einzugrenzen.
Die von der Szene einmal erbeutete Urkopie wird dann eilig auf einen privaten Server der Gruppe geladen, wo sofort arbeitsteilig Spezialisten ans Werk gehen: Kryptographen knacken den Kopierschutz. Tontechniker versehen Filme mit einem besseren Audiokanal – „muxen“ heißt das in der reichhaltigen Szenesprache. Die präparierte Datei wird komprimiert und mit dem Gruppennamen versehen. Meist wird eine kleine graffitoartige Grafik beigefügt, die den Ruhm der Release Group mit der Kopie verbreiten soll. Auf verdeckten Websites wird die Ankunft der Dateien protokolliert – denn diese „Races“ genannten Wettläufe werden von den verschiedenen Teams mitunter nur um Minuten gewonnen.
Damit fällt der Startschuss für das Rennen der „Trader“: Sie verteilen die frisch geknackte Datei nun auf zahlreiche Server weiter. Eine Trader-Gruppe gewinnt, wenn sie die meisten Dateipakete verbreitet hat – auch das wird protokolliert. „Ich sitze im Schnitt zwei bis drei Stunden täglich daran“, sagt der Trader Diers. Doch manche kommen auf 18 Stunden, lassen sich sogar vom Computer wecken, wenn eine Gruppe etwas „veröffentlicht“ hat.
Für den normalen Internetnutzer sind die Dateien damit noch nicht verfügbar. Denn von Filesharing-Netzwerken wie Piratebay hält sich die Szene fern, sagt Diers. Doch „schwarze Schafe“ befüttern gegen Bezahlung Server, auf denen mit Werbung oder Abo-Gebühren Gewinne erzielt werden – und so landet die Kopie kurz nach dem „Release“ doch auf den Rechnern der Nutzer, von wo aus sie weiterverteilt wird. Die GVU verdächtigt darüber hinaus einen Prozessoren-Verkäufer, eine Release Group finanziert zu haben. Denn Raubkopien laufen nur auf Spielekonsolen, die mit besonderen „Mod-Chips“ ausgestattet sind. Wenn also besonders beliebte Spiele im Internet kursieren, steigt die Nachfrage nach diesen Chips. Bewiesen wurde dies allerdings bislang nicht. Auch ein großer japanischer Unterhaltungskonzern soll an eine Gruppe gezahlt haben – damit sie aufhört.
Das Gratis-Ethos der Gruppen ist widersprüchlich. „Manche erheben eine Art Urheberrecht“, berichtet Christine Ehlers von der GVU. Auch Diers ärgert es, wenn Gruppen Dateien mit ihrem Namen versehen, die andere „in mühevoller Arbeit geknackt“ haben. Die Gruppe „Pantheon“ zum Beispiel verschlüssele daher „ihre“ Dateien. „Faszinierend“ findet Diers diese Widersprüche, „das Absurdeste: nach einer Woche wurde natürlich auch dieser Schutz geknackt“.
In die laut Ehlers „höchst konspirativ organisierte“ Szene führen viele Wege. Der Kopf einer bekannten Gruppe kopierte als Praktikant in einem schwedischen Softwarehaus in der Mittagspause eine Gold-CD, also den Ur-Datenträger eines noch nicht erschienenen Programms – und war damit natürlich in der Szene willkommen. Über die Aufnahme neuer Mitglieder in die streng hierarchisch geordneten Gruppen entscheidet der „Leader“, meist der Gründer der Gruppe. „Stellenanzeigen“, etwa für Supplier, sind den Raubkopien beigefügt. Der Kontakt wird über diskrete Chat-Kanäle aufgenommen. Wer eine Regel verletzt, etwa eine bereits veröffentlichte Datei nochmals in derselben Qualität „releast“, fliegt raus – „die sind teilweise organisiert wie ein Kleingartenverein“, staunt Ehlers.
Die Piraterie müsste an der Wurzel bekämpft werden – da sind sich Diers und Ehlers erstaunlich einig. Das gestaltet sich schwierig: Denn die Staatsanwaltschaften würden zu sehr auf die „Gewerblichkeit“ der Tat schauen, sagt Ehlers. Das führe „zu der paradoxen Situation, dass einem Flohmarkthändler, der wenige illegale Kopien verkauft, eine höhere Strafe droht als einem Release-Gruppen-Mitglied, dessen illegale Kopie einen viel größeren Schaden verursacht“.
Dennoch hat Diers „fast nie“ Gewissensbisse – auch wenn er selbst beruflich Programme herstellt. Als nächstes „Major-Release“ kündigt er übrigens Windows 7 an. Zwei, drei Gruppen würden bereits seit Wochen daran arbeiten.