Guttenbergs Doktorarbeit: Straf- und Sprachtaten

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Tag 2 in der Schummelrepublik Deutschland.

Ist ja nun fast alles zur Katastrophe KT aufgeschrieben: Die Studenten sind desillusioniert, Integrität als Leitmotiv der Politik abgelegt, Lügen ministrabel, usw.

Eines aber fehlt: Eine Notiz zum Sprachstil des Plagiats.

(Zum Thema Relevanz. Ich höre immer „Denk mal an Libyen.“ Ja, ich denke an Libyen: Die arabische Krise wird uns noch im nächsten Jahrzehnt beschäftigen, es ist ein zeitgeschichtliches, ein echtes Weltereignis. Aber ich bin eigentlich ganz froh, dass die Medienöffentlichkeit mehr als nur ein Top-Thema verträgt. Und deshalb geht es hier nochmal um KT.)

Die Änderungen in der ehemaligen Doktorarbeit sind sprachlich nämlich durchweg Mist. „Sein“ Text verstößt gegen mehrere anerkannte Stilregeln, was ich der Bequemlichkeit und Zeitnot halber nur an einem Beispiel von Spiegel Online aufzeigen will.

In den dort gegenübergestellten Fundstücken wird ohne Not

lateinisiert:

„im nachhinein“ zu „ex post“,

„Notwendigkeit“ zu „Maxime“,

„stellt … ab“ zu „rekurriert“,

„war eine andere“ zu – mein persönlicher Liebling – „war demzufolge differierend“

verschwurbelt:

„notwendig“ zu „unumgänglich“,

„europaweiter Öffentlichkeit“ zu „europaweite bzw. europäische Öffentlichkeit“,

(merke: „bzw.“ ist nahezu immer eine sinnlose, weil weder „und“ noch „oder“ meinende Verbindung)

aufgeplustert:

„Begriffe“ zu „Begrifflichkeiten“

„Lauf“ zu „Verlauf“

in Bürokratensprech übersetzt:

„hinsichtlich“ zu „betreffs“

anglizisiert:

„Zusatzartikel“ zu „Amendment“

Ein Überfliegen der Exzerpte in der „Kritischen Justiz“ (PDF) zeigt, dass es so immer weiter gehen könnte.

Die Änderungen führten in diesem Minibeispiel nicht zu einer einzigen stilistischen Aufwertung. Die Änderungen waren fast immer nicht inhaltlicher Art. Sie reichten auch nicht aus, um als eigene urheberrechtlich zulässige Leistung gelten zu können.

Und damit kommen wir von Sprache zu Strafe.

Das offensichtlich nicht von Stilbewusstsein geleitete, sinnfreie Ändern zeigt nämlich aufs Schönste, dass es sich um ein vorsätzliches, urheberrechtswidriges und damit strafbares Verhalten handelt.
KT, ein Straftäter? KTs Rhetorik ist eigentlich bewundernswert. Guttenberg meidet Behördenblabla und Dummdeutsch, er ist ein echter AC/DC-Minister. Nein, er war das nicht, nicht eigenhändig.

Es war sein schweigender Lakai, der es nicht so mit gutem Stil hat. Das rettet KT freilich nicht vor der Strafbarkeit – denn dafür genügt auch die Anstiftung zum Plagiat (§§ 106 UrhG, 26 StGB). Bis jemand den Ghostwriter zum Reden bringt, ist das leider alles graue Theorie.

Das Angebot mit dem Bier steht noch – ich erhöhe sogar auf ein Herrengedeck.

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Jagt zu Guttenberg aus dem Betrieb!

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Ich komme aus Norddeutschland und bin auch sonst der CSU reichlich fern. Aber ich mochte diesen „KT“. Für viele seiner guten Eigenschaften, jeder kennt sie. Diese Sympathie hielt vielem stand: Seine umstrittene PR-Aktion in Afghanistan – ich habe applaudiert. Kunduz-Affäre und Gorch Fock – nicht seine Schuld!

Aber jetzt hat Guttenberg gelogen. Er hat einfach in viele viele Mikrofone hineingelogen, um sich Macht und Ansehen zu erhalten. Er hat geschummelt, „beschubst“, wie es bei meinen Großeltern immer hieß.

Und er hat verdammtnochmal seine Dissertation nicht selbst geschrieben. Der Idiot, der es für ihn getan hat, kann’s nur nicht sagen – er würde sich als zweitgrößten Dummkopf der Nation an den Pranger ketten, seine Karriere wäre beendet.

Im Schatten der Feuer von Tripolis und Bengasi

Nun also glitscht Guttenberg seinen Häschern durch die Finger. Im Schatten der Feuer von Tripolis und Bengasi stiehlt sich einer davon, dem noch viele glauben. Vor allem alle, die mit der Welt der „feinen Herren Doktoren“ nichts zu tun haben, bei denen Akademiker Sozialneid und Adelige ein diffuses Wohlgefühl hervorrufen.

Und das wird klappen. Denn KT hat ein Händchen für Krisen-PR. Niemand konnte Däumchen drehen, bis die zwei Wochen rum sind, die Bayreuth in einem Anfall von Großmut dem Lügen-Baron gewährt hat.

Der Rückzug war verdammt geschickt. Und früh eingefädelt. „Vorübergehend“ – wisst ihr noch? – wollte KT den Titel zurückgeben. Da stand alles bereits fest: Der totale Rückzug. Denn kein Kommentator der großen Medien würde ihn an diesem Wörtchen lautstark festhalten wollen – das hätte nämlich kleinlich gewirkt: Jaja, den Titel gibt er zurück, aber he Leute, hatte er nicht „vorübergehend“ gesagt?

Pfff!

Zugleich konnte KT sich mit dem Wörtchen kämpferisch zeigen, medial ins Volk hineinwirken. Obwohl er zu diesem Zeitpunkt vermutlich schon ein Wörtchen mit seinem mutmaßlichen Ghostwriter gewechselt haben wird – und geahnt haben muss, dass es vorbei ist.

Ach lieber Ghostwriter

Und dieses Timing! Dieses phantastische Timing! Die erste „Bild“-Ausgabe für Dienstag war schon raus (SPD, Gaddafi, „Lucy“), Mittwoch ist das Thema schon so kalt, dass man es den Lesern nicht mehr berichten muss. Vielleicht noch eine Hämorrhoidengeschichte zur Ablenkung und ein paar Blutbadbilder aus Libyen, KT wird als kleine Meldung zwischen Aufmacher und ein paar Titten gedrängt – fertig. Raus. Feierabend.

Ach lieber Ghostwriter. Meld dich doch mal bei mir, ganz off the record. War doch nicht so gemeint, mit Idiot und Dummkopf. Ich sag auch nichts, ich gebe Dir mein Ehrenwort, ich wiederhole: mein Ehrenwort! Kleine Mail an hendrikwieduwilt ät gmail.com, wir treffen uns in der linkesten Kneipe, die Kreuzberg zu bieten hat, wo sich kein Unionspolitiker bei klarem Verstand hineintraut. Du, ich, Diktiergerät – Bier geht auf mich.

Und dann erzählst du einfach mal. Hm?

Im Übrigen: Natürlich könnte meine Wut auch damit zusammenhängen, dass ich mich grad tatsächlich und selbst mit über 1000 Fußnoten abquäle. Zweifel, Fleiß, Verzicht, Kopfschmerzen, Wut, Frust, Euphorie, Grübelei, Diskussionen, Abfuhren, Unfälle, Zettelchaos, Stichwortsalat, Mindmaps, Hunderte von PDF-Dateien, Versuche, Gliederungen, Umgliederungen, Prokrastination, Gewissensbisse, Isolation, nochmal Zweifel, knapp 100 abgespeicherte Versionen – ich bin mitten drin, Guttenberg, ich beiße mich durch diese Scheiße gerade durch.

Und du?

Hast dir ziemlich viel davon gespart. Und das Referendariat haste dir auch gespart, hat die F.A.S. aufgeschrieben.

Jagt ihn aus dem Betrieb

Ich hoffe, die Opposition macht einen richtig guten Job. Ich hoffe, kritische Medien machen einen richtig guten Job. Fragen dir und deiner Umgebung Löcher in den Bauch, schnüffeln dir den Schweiß auf die Stirn.

Ich drücke sogar der Linken die Daumen, und das, Guttenberg, ist ziemlich genauso wenig meine Partei wie die CSU. Aber du hast in der Politik erstmal nichts verloren. Mach mal Urlaub. Bist erst 39. Nimm dir Zeit. Zum Beispiel für Referendariat. Für eine Dissertation.

Und zum Bedauern.

 

Die „Ablichtung“ ist tot! Lang lebe die „Kopie“!

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Der IDEMA-Verin wird 10! Man kann ihm nur gratulieren und eine enorme Bekanntheit wünschen. Der Verein engagiert sich nunmehr seit einer Dekade für verständliches Deutsch in deutschen Behörden – übersetzt unverständliche, unpersönliche und bisweilen archaische Formulierungen in lesbare Texte.

Die Wirkung eines – wagen wir das Pathos – menschlichen Schreibens auf den Bürger sollte wirklich niemand unterschätzen. Ebenso wenig allerdings die Betonköpfigkeit in manchen vielen den meisten Behörden. Man schlage etwa einem Staatsanwalt einmal vor, in der Abschlussverfügung statt hirnrissigen Mumpitz’ wie „Ablichtung“, „Mehrfertigung“, oder „Abschrift“ schlicht und einfach „Kopie“ zu schreiben. Das ist sogar ein deutsches Wort, so dass sich selbst noch so verbissene Sprachpuristen und Germanophile nicht davor fürchten müssten. Als ich dieses waghalsige Experiment auf mich nahm, erhielt ich als Antwort, das würde wohl die Geschäftsstelle durcheinanderbringen, also jene Hilfsbeamten, die aus dem Diktat des Strafverfolgers ein Schreiben anfertigen.

Ich glaube eher, dass man sich als Staatsbediensteter ganz wohlig in den Festungen der Herrschaftssprache eingerichtet hat und deshalb Zugluft vermeiden will. Denn Transparenz und Verständnis könnten hier und da ja zum Aufbegehren des Bürgers führen.

Aber immerhin: In Bochum scheint ein anderer Wind zu wehen. Dort arbeiten neun Ämter mit Germanisten der Ruhr-Universität für IDEMA zusammen. Hoffen wir, dass andere Amtsstuben in Deutschland zumindest einmal einen Blick durch die Augengläser  Brille in das Lernmittel Büchlein „Amtsdeutsch – Deutsch“ werfen oder gar in die IDEMA-Datenbank.

Happy birthday,  happy birthday!

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Leistungsschutzrecht für Verlage – eine Einführung

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Ipad, Ebook und Paid Content-Angeboten zum Trotz: Die Presseverlage hoffen auf ein Leistungsschutzrecht, das ihnen Einnahmen im Internet sichern soll. Polemik dominiert die Debatte. In der aktuellen „Kommunikation und Recht“ kann man meinen Versuch einer ausgeglichenen Darstellung lesen – und dass das digitale Nachrichtengeschäft auch mit dem „LSR“ in eine eher trübe Zukunft schreitet.

Jugendmedienschutz im Informationszeitalter

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…ist das Thema des 6. Bayreuther Forums für Wirtschafts- und Medienrecht. Am 5./6. November wird dort fleißig über Medien, die Jugend und Rechtspolitik debattiert. Die größte Sorge eines Moderators ist ja in der Regel, dass zu viel Harmonie auf seinem Podium ausbricht (und daraufhin das Gähnen im Publikum) – ich bin von diesen Befürchtungen  diesmal frei: In der Abschlussdiskussion am Freitagabend geht es um Jugendmedienschutz, Kinderporno-Sperren und Netzpolizei.

Auf das LG Hamburg ist Verlass

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LG Hamburg hat den Antrag auf einstweilige Verfügung gegen Googles Youtube zurückgewiesen – aber keine Bange, in der Sache bleibt das Gericht hart. Und um der Gema nicht den Mut zu nehmen, schrieb die dortige Pressestelle auch gleich noch eine Einladung in die Pressemitteilung: Doch, doch, in der Sache könnte das schon etwas werden, mit der Unterlassungsklage gegen Youtube.

Diese Frage müsste in einem Hauptsacheverfahren geklärt werden, sofern es den Beteiligten nicht gelingt, sich außergerichtlich zu einigen. Allerdings hat das Gericht darauf hingewiesen, dass viel dafür spreche, dass den Antragstellerinnen prinzipiell ein urheberrechtlicher Unterlassungsanspruch gegen die Antragsgegnerin zusteht. Es liege nahe, dass die Antragsgegnerin zumutbare Prüfungspflichten bzw. Maßnahmen zur Verhinderung erneuter Rechtsverletzungen nicht wahr- bzw. vorgenommen habe.

Die erste Eskalationsstufe im Kampf um Verantwortlichkeit der auch unter Musikpiraten immer beliebteren Streamingdienste ist damit nur aufgeschoben. Aus der Musikindustrie ist zu hören, dass man sich allmählich wegen der Streaming-Portale sorge. Das ist wohl berechtigt – immerhin hat die mächtigste Zeitung Deutschlands am heutigen Tage einen ganz besonderen „Download der Woche“  im Angebot: Einen kostenlosen Youtube-to-MP3-Konverter.

Der ist durchaus legal. Könnte ja sein, dass man aus dem lustigen Hundevideo mal dringend die Tonspur braucht. Als Hörbuch etwa, wie ein Gesprächspartner aus der Kreativindustrie heute etwas freudlos witzelte. Dass die Gratis-Mucke aus der Glotze inzwischen zu einem Anspruchsdenken geführt hat, die sogar zu Protestsongs inspiriert, zeigt uns Sid, der Liedermacher (< via @sixtus).

Youtube im Kreuzfeuer

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Heute verkündet das Landgericht Hamburg eine Entscheidung zu Googles Glotze Youtube. Die Gema hat den Videodienst nämlich wegen 600 angeblich illegal genutzter Songtitel auf Unterlassung verklagt. Dabei geht es um Lizenzgebühren und die derzeit auch in den USA mal wieder diskutierte Frage, inwieweit der Videodienst für Inhalte seiner Nutzer geradestehen muss. Die Hintergründe habe ich kürzlich für die NJW aufgeschrieben.

Youtube, Glotze im Zwielicht, NJW Heft 35/2010, S. 16 (PDF)

Google Street View: Kalk, Gips, Zement und eine Schaufel Menschenwürde

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Ich suche grad eine Wohnung. Schon viele Häuserfronten habe ich gesehen, manche fotografiert, schamlos bis ins Mark. Dabei musste ich oft an die schwüle Street View-Debatte denken und stellte fest: Sicherheitshalber sollte ich meine künftigen Nachbarn und Vermieter nach ihrer digitalen Einstellung und dem Stadium der jeweiligen Datenschutzwahnvorstellungen befragen. Wenn ich dereinst nämlich in einem Haus wohnen sollte, dessen Frontansicht unter Berufung auf ausgerechnet die Menschenwürde verpixelt wird, dieses höchsten aller Grundrechte also, dann müsste ich schon aus Scham und Anstand gleich wieder die Kartons packen.

Eigentlich ist es ja grad gar nicht so heiß. Dennoch scheint die Öffentlichkeit einen kollektiven Hitzschlag erlitten zu haben. Hat Google irgendwann mal mitgeteilt, es würde angesichts eines delirierenden Hauseigentümerverbandes oder eines überengagierten Datenschutzbeauftragten ausgerechnet das deutsche Straßennetz übergehen? Nun hieß es, Google Street View kommt – na und? Das ist eigentlich nicht einmal eine News.

Neu ist jedoch, dass die Politik sich offenbar vorbereitet hat – wenn schon nicht durch ein fertiges Lex Google Street View so doch immerhin durch erfolgreiche Gleichschaltungsbemühungen. Zumindest eine unbequeme Quelle wurde nämlich offenbar gestopft: Harald Schmidt nämlich, Geschäftsführer der Zentralen Geschäftsstelle Polizeiliche Kriminalprävention der Länder und des Bundes. Er hatte die Einbrecherfolklore (Kriminelle suchen über Street View Einbruchsziele) mir gegenüber kürzlich als solche enttarnt (enttarnt immerhin für all jene Leser, die diesen Unfug in einer leichtgläubigen Sekunde tatsächlich unter „so wird es wohl sein“ abgeheftet hatten) – nun aber schweigt Schmidt, streicht die Segel, will nichts mehr dazu sagen. Er lässt über seine Angestellte ausrichten, er kommentiere die ganze Sache nicht mehr, man möge bei der Aigner nachhorchen.

Das will ich aber nicht. Ich würde nämlich lieber wissen, was der Bund- und Ländereinbruchsexpertenpolizist zu dieser Sache sagt als, zum Beispiel, Ilse-morgen-verlasse-ich-das-Internet-Aigner. Seine Stellungnahme wäre zudem journalistisch geradezu ein Traum gewesen, widersprüchlich nämlich zu dem, was Schmidts Kollege Carstensen vom Bund Deutscher Kriminalbeamter gerade so geäußert hat. Demnach würden Einbrecher – entgegen Schmidt – nämlich doch über Street View „gefahrlos“ Objekte „ausspähen“ können. Klar, das ist schon praktisch – denn wenn die Knackis direkt hingingen, würde sie ja jeder an der Augenbinde und der Nummer auf der Brust erkennen.

Vielleicht will Schmidt ja auch nur kein Spielverderber sein, quasi dazu gehören. Meinungsvielfalt ist in Sachen Google (um andere Anbieter schert sich ja kein Mensch mehr) offenbar schon wieder out. Man mag es kaum fassen: BDK, Aigner, Bosbach und Co. setzen sich zunehmend durch und scheinen den guten alten, abgewetzten Artikel 1 Grundgesetz erfolgreich in den Häuserputz unterzurühren – als ganz, ganz kleine Münze.

Aber auch ich will kein Spielverderber sein. Soll sich Berlin ruhig an ein Street View-Gesetz setzen, ohne etwa zuvor grundlegende Dinge wie die geradezu aberwitzig überfällige Suchmaschinenhaftung zu konkretisieren oder das Datenschutzrecht zu vereinfachen. Wenn aber demnächst einer der Oberdatenhüter via Street View virtuell durch San Francisco spaziert und wieder einmal – wie bereits inoffiziell eingeräumt – feststellen muss, dass diese ganzen Dinge durchaus Spaß machen und irgendwie nicht so richtig gefährlich wirken, wenn er dann vor sich hinlächelt und schließlich leise schluchzt, weil sein eigener architektonischer Beitrag zum Stadtbild im Gegenzug von Bewohnern San Franciscos leider nicht bestaunt werden kann, er aber vergessen hat, warum er damals so sehr gegen Street View gewettert hatte – von mir bekommt er dann kein Taschentuch gereicht.

Sperrverfügungen aus Schleswig-Holstein: Das „Dementi“ der FDP ist keines

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Das war zu erwarten: Die Nachricht, dass die Koalition in Schleswig-Holstein Sperrverfügungen gegen Internetanbieter einführen möchte, ist inzwischen bis zu Spiegel Online vorgedrungen. Dort äußert sich nun erstmals Kubicki selbst – und rudert zurück.
Am Freitag trat Kubicki dem Gerücht entgegen, er mache sich für das sogenannte Access Blocking stark: Internetsperren seien keine sinnvolle Lösung, teilte er mit. „Eine entsprechende Regelung ist im Gesetzentwurf zur Änderung des Glücksspielstaatsvertrages daher nicht vorgesehen“, so Kubicki weiter.
Dieses „Gerücht“ ist aber entgegen der Formulierung des Spon-Kollegen keines. Es fällt denn auch auf, dass mich von Seiten der FDP keinerlei Anschuldigung erreichte und das Zitat als solches auch nicht verneint wurde. Und selbst die Gefahr eines Missverständnisses hat nach jenem Mittwoch Abend nicht mehr bestanden: Nach dem ich Kubickis öffentliche Antwort („entsprechende Regelung“) verwundert aufgenommen hatte, kam es später zu einem weiteren kurzen Gespräch über bisherige Formen des Access-Blockings: Nämlich das Zugangserschwerungsgesetz (sei ja doch etwas anderes als Einzelverfügungen und ja, der Aufsatz aus der NJW stamme von seiner Frau), Jugendmedienstaatsvertrag (dort sei eine entsprechende Rechtsgrundlage erfolgreich verhindert worden). Herr Arp saß übrigens mit auf dem Podium. Kurzum: Eine Rechtsgrundlage für Sperrverfügungen stand in dem Entwurf.

Offenbar nimmt die FDP nun allerdings von ihrem Vorhaben Abstand – und das wäre nach allen bisherigen Erfahrungen mit Access-Blocking eine gute Nachricht. Dass die liberale Partei das aber nicht ausdrücklich so sagt, sollte eigentlich niemanden wundern. Dass sich Journalisten von Spiegel Online davon vereinnahmen lassen, überrascht dagegen sehr. Oder auch nicht.

Neue Internet-Sperren aus Schleswig-Holstein?

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„Liberalisieren, Lizenzieren, Legalisieren“, alliteriert Wolfgang Kubicki und: „Kontrollieren und Abkassieren“, ganz wie in Dänemark. Erst fällt das Glücksspielmonopol des Staates und dann werden illegale Wettbewerber aus dem Ausland gesperrt. Schleswig-Holstein will dazu Zugangsblockaden gegen illegale Angebote im Internet einführen.

Begeisterung füllt den „Kieler Kaufmann“ im schmucken Villenviertel Düsternbrook. Hier sitzen an diesem lauen Mittwoch Abend gewichtige Funktionäre, liberale Politiker, ein Spielbank-Betreiber in glänzendem Sacko und sogar ein Sportrechtsprofessor. Schwül-goldenes Ambiente, die Cola für 2,70 Euro und es geht um Millionen für ein aberwitzig verschuldetes Bundesland  – kein Ort für Grundsatzbedenken wegen Sperrverfügungen. Die mauen Einnahmen aus dem derzeitigen Modell ließen sich „verdreifachen“, lockt der Chef der FDP-Landtagsfraktion Wolfgang Kubicki sein Publikum und wirbt schon jetzt auf Zuspruch aus den anderen Bundesländern. Die Glücksspiel-Einnahmen seien auch dort bisweilen um 10 Millionen Euro gesunken – und das in diesen Zeiten!

Aber wie war das nun mit dem „Kontrollieren“? Wenn in Schleswig-Holstein auf einmal private Wettanbieter befreit von Verboten des Glücksspielstaatsvertrags ins Netz stürmen, werden doch die illegalen Wettbewerber wohl kaum aus Verzweiflung die Stecker aus ihren Servern ziehen. Das Vorbild Dänemark fährt da zweigleisig, erläutert mit leichtem Akzent ein unaufgeregter Anwalt aus dem Königreich: Einerseits sollen die Banken Geldflüsse kontrollieren, um Zahlungen an unlizensierte Anbieter zu stoppen. Und zusätzlich soll – vermutlich, weil die Banken wenig Begeisterung für dieses Modell zeigen werden – die Leitung am Internetzugang gekappt werden können.

Gesetzentwurf am 9. Juni

Access Blocking! Und das sickert nun auch nach Schleswig-Holstein durch, wie Kubicki etwas gepresst bestätigt – eigentlich wolle er nämlich „noch nicht zu viel verraten“, der Gesetzentwurf der Regierungsparteien soll am 9. Juni in Berlin präsentiert werden. Aber eine Rechtsgrundlage für Sperrverfügungen wie in Dänemark werde es geben.

Kann das sein? Nach einer langwierigen Debatte um eine ähnliche Sperrgrundlage im Jugendmedienstaatsvertrag (inzwischen gestrichen), ungeliebte Stoppschilder gegen Kinderpornografie (ausgesetzt) und – schon etwas länger her – umstrittene Sperrverfügungen der Düsseldorfer Bezirksregierung (Rechtsgrundlage im Mediendienstestaatsvertrag entfallen) plant Schwarz-Gelb in Schleswig-Holstein allen Ernstes Zugangssperren gegen illegale Inhalte im Netz?

„Es ist nur eine Krücke“, beschwichtigt Kubicki. Langfristiges Ziel sei nämlich EU-weite Regelung, wonach die Mitgliedsstaaten untereinander Rechtsdurchsetzung versprechen. Das hilft allerdings kaum gegen Anbieter, die nicht innerhalb der EU sitzen, möchte man widersprechen, und verfolgt Brüssel nicht gerade eigene Ideen einer Sperrarchitektur? Doch das Publikum ist nur milde irritiert, es will lieber über das Lotto-Monopol sprechen.

Was sagt seine Frau dazu?

Nun muss man dem in Politik- und Justizkreisen als nicht ungewitzt geltenden Anwalt Kubicki keineswegs die Schattenseiten von Zugangssperren auseinanderklabüstern. Er kennt sie, vor allem, wenn er auf seine Frau hört. „Das Zeitalter der Internet-Zensur hat endgültig begonnen“, resümierte Annette Marbeth-Kubicki in der NJW 2009, 1796. Dort beschreibt sie ausführlich die technischen und rechtlichen Bedenken gegen die eingeführten Zugangssperren gegen Kinderpornografie.

„Vielleicht sollte ich nochmal mit meiner Frau sprechen“, murmelt Kubicki später denn auch am Getränketisch und mustert aufgekratzt die Gäste, die sich im Foyer des „Kieler Kaufmann“ Visitenkarten zustecken.

Das kann eigentlich nie schaden – und noch mehr Krach ist vielleicht sogar dem enfant terrible der Liberalen zuviel.