Nackt: Juristen ohne Worte

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Wolf Schneider hat in seiner Karriere viele Journalistenjahrgänge traumatisiert gedrillt: Er ist unerbittlicher Sprachguru und hat natürlich trotzdem nicht mit allem Recht – aber wer mal in einem deutschen Artikel aus den Sechzigern gestöbert hat, weiß Schneiders Plädoyer für einen schnörkellose, klare Sprache zu schätzen. Heute predigt die Stil-Legende zeitgemäß via Videoblog für die SZ. Kürzlich zeigte er sich dort mitleidig gegenüber Psychologen und Soziologen. Die stünden nämlich, würde man sie ihrer sprachlichen Ungetüme entkleiden, reichlich nackt da, Geologen hingegen hätten immerhin noch ihre Steine.

Doch auch hier hat Schneider ein bisschen unrecht: Denn Psychologen und Soziologen haben ohne ihr Wortgeklingel durchaus etwas vorzuweisen. Sie sind nämlich durchs finstere Tal der Statistik geschritten. Sie können Statistikprogramme wie SPSS bedienen und im Idealfall sogar erklären, was der Computer mit den Zahlen gerade anstellt. Am Institut für Psychologie in Kiel treibt es ein Professor (für Mathematik!) besonders schlimm, die Studenten nämlich an den Rand des Wahnsinns – was in der Psychologie nun wieder positive didaktische Nebeneffekte hat. Wer sich da durchgeschlagen hat, kann beim Mikrozensus mitmischen oder die Verkaufszahlen des iPad analysieren.

Nackt steht ohne Worte hingegen allein der Jurist da. So manch ein Rechtstext, ob Urteil oder Schriftsatz, lässt sich auf einfaches und präzises Deutsch herunterbrechen und offenbart damit, dass es mit dem Hexenwerk der Juristen so weit nicht her sein kann. Weswegen die Schwurbelei wohl nirgendwo so verbreitet ist wie in der Justiz. Sprach-Seminare für Anwälte gibt es inzwischen reichlich, auch dem Gesetzgeber und der Verwaltung schauen inzwischen Stilberater auf die Finger.

Doch man muss an der Wurzel ansetzen. Vor zwei Jahren bemühte ich mich an der Universität Hamburg mit dem Kurs „Juratexter“ um besseres Deutsch im Recht, denn schon studentische Rechtsgutachten (immernoch die wichtigste Prüfleistung) sind schrecklich verquast. Um das Lesevergnügen auch an anderen Universitäten ein wenig zu steigern, durfte ich ein paar Überlegungen für die ehrwürdige JuS aufschreiben. Der Beitrag „Die Sprache des Gutachtens“ steht nun auf Seite 288 des April-Hefts.

Jetzt sammle ich für „Die Sprache der Praxis“.

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