Paragraphenplagen

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Sagen Sie mal „Internet“. Nochmal: „Internet“. „Internet“. „Internet“. Wenn man ein Wort – „Internet“ – immer wieder vor sich hin sagt – „Internet“ -, scheint es nach kurzer Zeit – „Internet“ – vollkommen sinnentleert. Dasselbe droht nun der Debatte um die unseligen Netzsperren gegen Kinderpornografie. Immerhin, ein bisschen wiegelte in dieser Woche ein heruntergetickerter Kommentar der ZDF-Bloggerin Patricia Wiedemeyer die Netzgemeinde auf: Zwei Klicks, so erklärt sie da zum Fakt, reichten demnach, um auf Kinderpornografie zu gelangen. Was beachtlich bedrohlich klingt. Ich bin mir nicht sicher, ob man mit zwei Klicks überhaupt irgendwelche Pornos findet. Ohne Favoriten. Und sind Zufallsfunde nicht ohnehin ein Mythos? Die Sperren ohnehin leicht zu umgehen? Kinderpornos ohnehin vor allem in P2P-Netzwerken gelagert? So oft gehört, so oft – da wird auch Spon-Autor Chrisitan Stöcker derartig themenmüde, dass er die Debatte kurzerhand als Zeitverschwendung deklariert. Weil ja eh alles bekannt sei. Die mühsam bekehrte deutsche Öffentlichkeit, sie scheint nur noch bedingt abwehrbereit für Brüsseler Pläne, sturmreif geschossen ergibt sie sich wohl bald matt und angeödet den Netzsperren. Netzsperren. Netzsperren. Netzsperren. Klingt auch schon ganz sinnentleert.

Und die Themenmüdigkeit zieht Kreise: Denn das Datenleck bei Facebook, eigentlich Skandal der Woche, fiel unter die Redaktionstische: Seinen 400 Millionen Nutzern hat das Freundesnetzwerk immerhin zeitweilig neue Privatsphäreeinstellungen für die Emailadresse verpasst – nämlich gar keine. Manch einer hat an diesem Tag vielleicht eine sorgsam behütete „gute“ Adresse verloren, eine von denen, die man der Öffentlichkeit allenfalls mit „ät“ oder „Klammeraffe“ preisgibt, wo man sogar das „de“ mit einem ausgeschriebenen PUNKT trennt, um sich Spam vom Hals zu halten. Diese Mühe hat Facebook nun zerstreut wie eine Sandmandala, jeder Adressensammler konnte sich das Allerheiligste krallen und in schattige Datenbanken verschleppen. Vielleicht ist es an der Zeit, netzkommunikativ umzudenken. Sich von der fragilen Email ab- und ganz Facebook zuzuwenden. War das womöglich Ziel der vermeintlich unabsichtlichen Datenpanne? Immerhin schießt Facebook so auch Google ins Knie, denn die Dienste aus Mountainview haben einen gemeinsamen Nexus: die Emailadresse. Aber wie trete ich eigentlich ohne Email einem sozialen Netzwerk bei?

Etwas Halt geben uns in diesen flüchtigen Zeiten vielleicht die guten Nachrichten des Shopjuristen Carsten Föhlisch:  Denn das OLG Hamm bringt seiner Ansicht nach das schnöde immaterielle Filesharing ins Real Life – CD bestellen, Folie ab, Anhören, „versehentlich“ mit itunes einsaugen, zurückschicken, alles kein Problem (sofern man dabei keinen Kopierschutz knackt). Denn „entsiegelt“ im Sinne des Verbraucherrechts hat der Kunde eine CD damit noch nicht, heißt es in Hamm – die Folie schützt vor Schmutz, nicht vor Piraten, da muss es schon etwas Handfesteres sein. Für Freunde des Haptischen kann daher alles nur noch besser werden: Bald bekommen sie ihre bestellten Tonträger vermutlich mit einem abzubröckelndem Wachssiegel oder einer schicken Banderole ausgeliefert – der Musikkonsum, er wird dann endlich wieder feierlich.

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