Das Netz nennt die Mörder

Erklärstück

Die Mörder von Walter Sedlmayr wollen nicht genannt werden. Sie klagen daher seit Jahren gegen deutsche Medien und Internetseiten, die – auch in Archiven – die Namen aufführen. Doch das Internet hört mit: Wer dort einen Blick hinein wirft, weiß sofort, wer den bayerischen Schauspieler vor fast zwanzig Jahren umgebracht hat.

Damit es der Netzgemeinde nicht allzu leicht fällt, will Anwalt Alexander Stopp im Auftrag seiner Mandanten nun deren Namen aus der englischen Wikipedia tilgen – der deutsche lässt sie bereits in Folge seiner Bemühungen unerwähnt. Vor einer Woche erst wehrte sich einer der Sedlmayr-Täter vor dem Bundesgerichtshof dagegen, von einem österreichischen Online-Archiv benannt zu werden. Der Fall liegt nun beim Europäischen Gerichtshof in Luxemburg – das juristische Vorgehen gegen die Wikipedia ist allerdings schon jetzt von zweifelhaftem Erfolg gekrönt. Dem Betreiber des Online-Lexikons Wikimedia aus San Francisco stehen nämlich die Bürgerrechtler der „Electronic Frontier Foundation“ zur Seite. Sie verkündeten nun süffisant: „Oh, und übrigens, die Verurteilten waren“ – gefolgt von den Namen der verurteilten Halbbrüder, die hier nicht stehen dürfen. Nutzer des Kurznachrichtendienstes Twitter schießen die Namen nun um den Globus, bald hämisch, bald lakonisch, mal „im Interesse der Redefreiheit“.

Der Trotz der Netzgemeinde kommt nicht von ungefähr: Kaum etwas sorgt im Netz so reflexartig für Hysterie, wie ein Unterlassungsverfahren gegen die Wikipedia. Zwei Rechtssphären prallen nun aufeinander: Die Meinungsfreiheit wird im amerikanischen Recht besonders hoch gehalten, dort darf sogar vor entlassenen Sexualstraftäter namentlich gewarnt werden. In Deutschland ist dergleichen zugunsten der Resozialisierung untersagt. Das muss auch für den englischen Sedlmayr-Artikel gelten, argumentiert Stopp, der die Kläger vertritt. Seine Argumentation lautet grob gesagt: Der bayerische Schauspieler ist ein Thema für deutsche Leser – also müssten auch deutsche Regeln beachtet werden.

Karl-Heinz Ladeur, Medienrechtler an der Universität Hamburg, mahnt dagegen zur Gelassenheit. Die Bedrohung für die Resozialisierung dürfe nicht überschätzt werden, sondern müsse anhand des jeweiligen Mediums betrachtet werden. Im Falle der Wikipedia handele es sich um „eine lediglich abstrakte Gefahr“. Das Recht sollte die Strukturen des Internets berücksichtigen, sagt der Hochschullehrer: Kleinere Blogs seien etwa mit privatem „Klatsch“ vergleichbar – dort könnten nicht dieselben Maßstäbe wie für reichweitenstarke Medien gelten. Auch eine Pflicht zur Revision der Online-Archive lehnt Ladeur ab – selbst wenn neugierige Arbeitgeber so die Vergangenheit eines verurteilten Kandidaten aufspüren können. „Googeln lässt sich nicht vermeiden, frühere Berichte lassen sich leicht finden – wenn man das will“, erläutert Ladeur. Man dürfe schließlich auch einen alten Zeitungsband in der Stadtbibliothek einsehen.

Unliebsame Fakten landen nach einer Klage ohnehin meist dort, wo das Recht nicht im Wege ist: Auf Wikileaks etwa werden zugeschobene Geheimdokumente und vermeintlich unterdrückte Nachrichten gesammelt. Inhalte verteilen sich geschwind auf mehrere Server oder vernetzte Privatrechner und sind praktisch nie wieder zu tilgen. „Streisand-Effekt“ heißt dieses paradoxe Phänomen im Netz-Jargon, benannt nach Barbara Streisand, die einst Bilder ihres Anwesens im Klagewege aus dem Netz schaffen wollte. Der Effekt wird ausführlich in der Wikipedia beschrieben – übrigens auch in der deutschen Version.

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