"das ihr da jetzt PR mässig keine scheisse baut"

Allgemein, Bericht, Feuilleton, Print

Im Streit um den verstorbenen Hacker Matthias schlagen die Wogen höher: Der SchülerVZ-Betreiber dementiert, ihm Schweigegeld für kopierte Daten geboten zu haben. Dessen Anwalt hält das für gelogen. Inzwischen sind Gesprächsprotokolle aufgetaucht, die das Unternehmen in Erklärungsnöte bringen.

„also, was ist sache. kooperation oder krieg?“ zitiert der „Spiegel“ nun aus dem Chat, den der Hacker „Exit“ mit einem Mitarbeiter der VZ-Netzwerke am 17. Oktober geführt haben soll. Der Zwanzigjährige hatte sich zuvor Datensätze aus dem sozialen Netzwerk „SchülerVZ“ besorgt. Im Gespräch bietet der Techniker dem Hacker eine Gegenleistung für die Daten. Wenn diese lokalisiert und gelöscht werden könnten, dürfe „uns das auch was kosten“, heißt es in der Aufzeichnung.

Das entspricht der Darstellung von Matthias‘ Anwalt Ulrich Dost, der vergangene Woche von „Schweigegeld“ sprach, das dem Hacker in unbezifferter Höhe angeboten worden sein sollte. Das Betreiberunternehmen VZ-Netzwerke hatte damals allgemein erklärt, es weise die Vorwürfe als „haltlos“ zurück. Trotz mehrfacher Anfragen, ob denn ein „Schweigegeld“ angeboten worden sei, schwieg sich das Unternehmen darüber beharrlich aus.

Nun wird VZ-Netzwerke ein wenig deutlicher, die Position bleibt aber unverändert. „Zu keinem Zeitpunkt haben wir dem Tatverdächtigen ein Zahlungsangebot oder gar Schweigegeldangebot für die entsprechenden Daten oder den Crawler unterbreitet“, lässt sich der Geschäftsführer der VZ-Netzwerke Markus Berger-de Léon jetzt zitieren. Dost reagiert drastisch. Diese Stellungnahme sei „gelogen und entspricht nicht den Tatsachen“, sagte – das ergebe sich jedenfalls vor dem Hintergrund der Ermittlungsakten.

Der Anwalt bestätigt die Authentizität der seit einigen Tagen auch im Internet kursierenden Chat-Protokolle, die VZ-Netzwerke nicht kommentieren will. Matthias hatte selbst die Ermittler auf die Aufzeichnungen verwiesen, um ihnen die Zahlungsbereitschaft des Unternehmens zu belegen.  Die Zuständigkeit des dort namentlich zitierten Techikchefs Jodok B. sei „gesichert“, so Dost. Dass Berger-de Léon von dem Zahlungsangebot vielleicht lediglich nichts wusste, scheint demnach unwahrscheinlich: Bei einem Treffen in Berlin mit Matthias saß der Geschäftsführer nach Dosts Angaben mit am Tisch – zusammen mit Jodok B. und einer Vertreterin der Rechtsabteilung, Stephanie Trinkl. Der Kopf der Netzwerke müsste nach Dosts Auffassung aber auch schon vorher im Bilde gewesen sein. „Die Verhandlungen vor dem Treffen in Berlin liefen über die Geschäftsleitung“, ist sich der Anwalt sicher.

Was in Berlin stattgefunden hat, beschreibt Dost als „Vertragsverhandlungen“. Dass es darum ging, Öffentlichkeit zu vermeiden, legt auch das Chatprotokoll nahe: Die Hauptsorge des Mitarbeiters war offenbar die Firmenreputation. „ich vertrau euch ebenso, das ihr da jetzt PR mässig keine scheisse baut…“, beteuert B in den Verhandlungen. Matthias wurde nach „Spiegel“-Angaben auf Firmenkosten in die Geschäftsräume der VZ-Netzwerke gefahren. Dort soll er erwähnt haben, dass ihm ein Kaufangebot in Höhe von 80 000 Euro für die erbeuteten Daten unterbreitet worden sei. Das hält Dost aber für unwahrscheinlich: „Wertlose Daten sind nicht verkäuflich.“ Das Material sei nach einmaliger Anmeldung bei SchülerVZ jedem zugänglich gewesen. Das bestreitet der Betreiber auch nicht, allerdings habe Matthias die zugänglichen Profile mit einem Hilfsprogramm (Crawler) massenweise ausgelesen. Am Ende der Verhandlungen stand eine Anzeige wegen Erpressung, Matthias wurde festgenommen.

Dosts These, dass keine Epressung möglich sei, weil das Opfer schon einen unbezifferten Betrag zahlen wollte, steht rechtlich allerdings „auf der Kippe“, wie er selbst einräumt. Andere Juristen teilen diese Auffassung nicht. Berger-de Léon teilte mit, Matthias habe damit gedroht, „die Daten weiter zu verbreiten, sofern wir nicht auf seine Forderungen eingehen.“ In den Chatprotokollen gibt sich Matthias hingegen nicht gerade geldgierig, seinen Datenabruf nannte er dort ein „just4fun projekt“. Inzwischen wurde bekannt, dass Matthias an einer „kombinierten Persönlichkeitsstörung“ litt. Er erhängte sich am 31. Oktober in der Untersuchungshaft.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s