Wie man Nebel wirft

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Wenn sich eine Kommunikationskrise ankündigt, sollte man Präsenz zeigen, um die Deutungshoheit nicht anderen zu überlassen – soweit die Faustregel der PR. Manchmal reichen nämlich auch ein paar Allgemeinplätze, um zunächst für Ruhe zu sorgen. Das dachten sich kürzlich offenbar auch die Betreiber von SchülerVZ. Als der Anwalt des verstorbenen Hackers, der das Unternehmen VZ-Netzwerke angeblich erpressen wollte, kundtat, dieser habe bereits vorher von dem Unternehmen ein unbeziffertes Angebot erhalten, sah das auf einmal nicht sehr gut für die Verzeichnisbetreiber aus. Daher veröffentlichte die Firma zur allgemeinen Wogenglättung dies:

Nach dem Selbstmord des u. a. wegen versuchter Erpressung gegen das Online-Netzwerk SchülerVZ in Untersuchungshaft sitzenden 20-Jährigen in Berlin, hat der Anwalt des Mannes – Rechtsanwalt Ulrich Dost – laut der Nachrichtenagentur ddp behauptet, es gebe Hinweise darauf, „dass eine Erpressung nicht versucht wurde“. Ferner behauptet Ulrich Dost, dass es Hinweise darauf gegeben hätte, dass dem Tatverdächtigen im Rahmen der Gespräche mit den VZ-Netzwerken „ein unbeziffertes Zahlungsangebot“ bzw. ein „Schweigegeldangebot“ gemacht worden sei.

Die VZ-Netzwerke weisen jegliche dieser Vorwürfe mit Nachdruck zurück. Markus Berger-de León, CEO VZ-Netzwerke: „Die Vorwürfe des Anwalts Ulrich Dost sind ebenso unglaublich wie haltlos. Zu keiner Zeit wurde dem Tatverdächtigen ein Zahlungsangebot oder gar ein Schweigegeldangebot für die Daten oder den Crawler unterbreitet. Die Beurteilung und Handhabung des Falls lag und liegt aber bei den zuständigen Behörden.“

Mutmaßliche, einzelne, aus dem Zusammenhang gerissene Details aus den Ermittlungsunterlagen – die der Anwalt derzeit der Presse zukommen lässt – kommentieren wir nicht. Sämtliche Vorgänge und Unterlagen haben wir den zuständigen Behörden übergeben.

Gleichzeitig möchten wir unsere Bestürzung über diese Tragödie ausdrücken. Wir sprechen allen Angehörigen unser tiefstes Beileid aus.

In der Pressestelle zeigte man sich daraufhin überrascht, dass nun trotz dieser Mitteilung noch jemand anrief und wissen wollte, ob es das Schweigegeldangebot gegeben habe. Doch sieht man sich den Text genau an, kann man bestenfalls in das „haltlos“ des CEO ein konkretes Dementi hineinlesen. Eine klare Zurückweisung des konkreten Vorwurfs findet sich darin eben nicht. Nach kurzem hin und her versprach man freundlich eine schnelle Klärung und eine klare Antwort per Mail.

Doch es kam keine Mail, die vereinbarte Deadline verstrich. Auf einen weiteren Anruf hin sagte eine Mitarbeiterin der Pressestelle, die Mail sei „in diesen Minuten unterwegs“ – eine beliebte Vertröstungsfloskel von Pressesprechern, die jedoch meist vollkommen bedeutungslos ist, so auch in diesem Fall. Kurz vor Andruck die letzte Chance: Noch ein drängender Anruf, es würde nun Zeit, man müsse drucken, usw.. Man habe viele Anfragen zu beantworten, hieß es nun auf einmal zur eigentlich ja schon auf dem Weg befindlichen Email, man bitte um Geduld.

Also Abdruck des Textes mit einem „kein Kommentar“-Passus – was von Kommunikatoren meist als nicht so glimpflich empfunden wird und auch dem Autoren nicht so schnell Ruhe lässt: Vielleicht kommt eine Minute ja doch noch das entlastenden Statement, oder zumindest ein klares Dementi. Eine riskante Sache.

Aber die VZ Gruppe schwieg weiterhin.

Nun grub der „Spiegel“ Material aus, dass der zögerlichen Kommunikationsstrategie der VZ-Gruppe einen schalen Beigeschmack verleiht. Im Chatprotokoll habe ein Techniker der Netzwerke-VZ demnach dem Hacker gesagt, wenn man die Daten lokalisieren und löschen könnte, dürfe „uns das auch was kosten“. Der VZ-Gruppen-CEO bleibe bei seiner Darstellung – was immer das heißen mag.

Die Wahrheitsfindung liegt übrigens, anders als der Text der Netzwerke suggeriert, keineswegs bei den zuständigen Behörden. Mit dem Selbstmord des Hackers lassen die nämlich augenblicklich die Ermittlungen ruhen – Tote werden nicht verfolgt. Insoweit mag man sich auch darüber streiten, ob der Anwalt des Verstorbenen mit seiner forschen Pressemitteilung dem Hacker, seiner Familie und der Öffentlichkeit einen Gefallen getan hat. Behördlich überprüft werden die Vorwürfe gegen die VZ-Gruppe nun nämlich nicht mehr.

Vielleicht wird der Streit ja doch noch von der Tatsachenebene ins Rechtliche verlagert: Juristisch ist nämlich keineswegs ausgemacht, dass man ein zahlungsbereites Opfer nicht doch noch erpressen kann – und sei es nur um eine höhere Summe.

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Ein Gedanke zu “Wie man Nebel wirft

  1. Das deckt sich mit meinen Erfahrungen mit StudiVZ. Ich hab für Telemedicus dort ein paar Mal Stellungnahmen erfragt. Das Spiel war jedes Mal das selbe: Per Telefon gab es keine Stellungnahme, E-Mails wurden nicht beantwortet und bei Nachfragen wurde ich vertröstet, bis es zu spät war (nachträglich kam allerdings auch nichts mehr).

    Nun schreibe ich nicht für die FAZ und stehe entsprechend auf der Prioritätenliste sowieso ganz unten. Andererseits habe ich auch viele Unternehmen und Behörden erlebt, wo ich auch bei kleinen Anfragen zügig Antwort bekommen habe. Und gerade StudiVZ als junges Unternehmen sollte mit sowas eigentlich umgehen können.

    Zumal StudiVZ in der Vergangenheit ja immer mal wieder Probleme mit der öffentlichen Wahrnehmung hatte. Da sollte man schon langsam dazu gelernt und sich eine halbwegs anständige Presseabteilung zugelegt haben.

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