Streit um die Tat des Toten

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Eigentlich ist der Fall erledigt. Gegen Tote fällt kein Gericht ein Urteil, kein Ermittler wird der Tat je nachspüren. Doch der Anwalt eines jungen Hackers, der kürzlich in der Untersuchungshaft Selbstmord beging, verteidigt diesen weiter – und liefert sich einen öffentlichen Schlagabtausch mit dem Betreiber der Internetplattform „SchülerVZ“.

Der 20jährige, den sein Anwalt „Daniel“ nennt, hatte bereits vor Monaten Daten von über einer Million Nutzern dieses sozialen Netzwerks abgerufen. Damit er sie nicht nach Osteuropa verkaufe, sollte ihm der Betreiber, das Holzbrinck-Unternehmen VZ-Netzwerke, 80000 Euro zahlen – die Staatsanwaltschaft ermittelte daraufhin wegen versuchter Erpressung. Daniel, der sich auch „Exit“ – in Hackerdiktion: „3x1t“ – nannte, kam in Haft und erhängte sich am 31. Oktober.
Sein Anwalt Ulrich Dost wollte nun weder die Erpressung noch den Datenklau im Raum stehen lassen. Am Dienstag veröffentlicht er eine Pressemitteilung, um der „sachlich falschen und unvollständigen Berichterstattung entgegenzutreten.“ Kurz darauf reagiert Markus Berger-de León, Geschäftsführer der VZ-Netzwerke, scharf: Dosts Vorwürfe seien „unglaublich wie haltlos“.
Der Berliner Jurist erzählt die Geschichte nämlich etwas anders: Nach Stand der Ermittlungen hätten Mitarbeiter der VZ-Netzwerke von sich aus Daniel zunächst ein „unbeziffertes Zahlungsangebot“ unterbreitet, zwei Tage bevor der Hacker eine konkrete Zahl nannte. Eine Erpressung sei nicht möglich, wenn das Opfer von vornherein zahlungsbereit war. Auf eine konkrete Anfrage, ob ein solches Angebot gemacht wurde, reagierte VZ-Netzwerke trotz mehrfacher Nachfrage nicht. Für VZ-Netzwerke, das den Hacker wegen Erpressung angezeigt hatte, geht es nun um die eigene Glaubwürdigkeit – und ums Geschäft. Die Datensicherheit ist im umkämpften Markt der sozialen Netzwerke ein hochsensibles Thema.
Auch einen „Datenklau“, wie viele Medien es nannten, hat es für Dost nicht gegeben. Was umgangssprachlich so genannt werde, sei im Strafgesetzbuch als „Ausspähen von Daten“ unter Strafe gestellt. Die betroffenen Daten hätten aber alle Mitglieder des Netzwerks einsehen und speichern können, ohne dass die Nutzer sich dazu mit Daniels Profil verbinden und ihm seine Daten freigeben mussten. Tatsächlich setzt der einschlägige Paragraph 202a StGB voraus, dass die ausgespähten Daten „gegen unberechtigten Zugang besonders gesichert sind“. In der juristischen Kommentierung heißt es, der Schutz dürfe „nicht ohne weiteres“ zu umgehen sein. Daniel hat sich angeblich nur anmelden müssen – ein Vorgang von wenigen Minuten. Dost sieht die Daten daher wie ein Telefonbuch – und ist in diesem Punkt auf einer Linie mit den VZ-Netzwerken.
Der Anwalt wirbt für den „außerordentlich begabten jungen Mann“ ohne darum gebeten worden zu sein. „Die Familie hat da weniger drauf hingewirkt“, räumt er ein, „mediengeil“ sei er auch nicht, er habe sich nur über die Berichterstattung geärgert. Inzwischen wächst ihm die Sache über den Kopf. „Die Bild-Zeitung soll auf meinen Rückruf warten“, bescheidet er seiner Sekretärin und berlinert genervt in den Hörer: „Ich hab was furchtbares gemacht, komm ja gar nicht zum arbeiten.“

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