Auf den Pfaden der Raubkopie

Allgemein, Erklärstück, Online, Print

Musik, Filme und Software kann jeder kostenlos, aber oft illegal im Netz herunterladen. Dahinter steht ein gutorganisiertes und exzellent ausgerüstetes Netzwerk von Spezialisten – die „Szene“.

FRANKFURT, 3. August. Conrad Diers ist 32 Jahre alt und entwickelt Software. Doch etwa drei Stunden täglich herrscht Conrad über ein Netzwerk von etwa 30 Servern, verschiebt gigantische Datenmengen, so schnell es nur geht. Er ist seit etwa neun Jahren Teil der „Szene“. Damals war er auf der Suche nach einem illegalen Computerspiel – und blieb in den Chatkanälen des konspirativen Netzes hängen. Seine Freundin finde sein „blödes Hobby“ natürlich „unmöglich“, sagt er. Aber die neuesten Serien, auf die Diers gratis zugreifen kann, die schaue sie sich dann doch ganz gern an.
In der Szene sitzen die Maschinisten der Gratiskultur: Übereinstimmende Schätzungen gehen davon aus, dass nahezu jeder kopierte Film und jedes geknackte Computerprogramm auf diese Gruppe zurückgeführt werden kann. Das Treiben der Szene ist illegal, meist sogar strafbar. Der Spiele-Verband BIU schätzt den dadurch entstehenden Verlust auf 10 Prozent des Gesamtumsatzes der Branche. Manche Spiele erscheinen inzwischen nur noch für Konsolen, weil dort Kopien weniger schnell die Runde machen. Das FBI und auch hiesige Staatsanwaltschaften gehen gegen die Gruppen vor. „Wenn ich Familie hätte, würde ich das nicht machen“, räumt Diers ein, der eigentlich anders heißt. Wegen einer Razzia mit 200 Polizisten soll sich nach Ansicht der privaten Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen (GVU) schon eine Formation aufgelöst haben. „Die jetzige Szene ist es nicht wert, das reale Leben dafür zu riskieren“, gab die Gruppe „Lightforce“ damals bekannt.
Den Mitgliedern oder einzelnen Gruppen der Szene geht es letztlich darum, wer die besten, begehrtesten Dateien am schnellsten auf die meisten Server verteilt. Dadurch landen die eigenen Teamnamen in den Ranglisten der Server auf den vordersten Plätzen. Neben Ruhm in der Szene winkt der Zugang zu weiteren Datenspeichern mit noch mehr Material. Das ist der Lohn für die Anstrengungen. Geld verdient mit den Rechtsverstößen vorgeblich niemand. Im Gegenteil, es wird reichlich investiert: In exklusive Hardware und schnelle Verbindungen in Gigabit-Dimensionen – „eine DVD ist in 30 Sekunden kopiert“, sagt Diers, „locker“.
Die erste Kopie kostet die Szene meist Bares. Darum kümmern sich die sogenannten „Release Groups“ – Szenegruppen mit Namen wie „Razor1911“ und eben „Lightforce“. Die GVU schätzt die Mitgliederzahl der Release Groups in Deutschland auf etwa 80. Diese bestechen zunächst einen „Supplier“: Angestellte in DVD-Presswerken, Verkäufer in amerikanischen Läden oder sogar Mitarbeiter von Software-Firmen bekommen etwa 150 Euro, damit sie ein Exemplar eines möglichst noch nicht erschienenen Films oder Programms beschaffen. Manchmal sitzt die Quelle sogar im Entwicklerteam der später vervielfältigten Software selbst. Die beliebtesten Kinohits werden zumeist in den Sälen abgefilmt. Doch die Mitschnitte im Kino sind riskant. Das zeigte sich kürzlich in Magdeburg: Als der neueste „Harry Potter“ gezeigt wurde, richtete der Filmverleih Warner Bros. Nachtsichtgeräte ins Publikum. Ansichtsexemplare etwa für die Presse werden beim Kopieren mit teils versteckten Wasserzeichen markiert, die helfen, den Täterkreis später einzugrenzen.
Die von der Szene einmal erbeutete Urkopie wird dann eilig auf einen privaten Server der Gruppe geladen, wo sofort arbeitsteilig Spezialisten ans Werk gehen: Kryptographen knacken den Kopierschutz. Tontechniker versehen Filme mit einem besseren Audiokanal – „muxen“ heißt das in der reichhaltigen Szenesprache. Die präparierte Datei wird komprimiert und mit dem Gruppennamen versehen. Meist wird eine kleine graffitoartige Grafik beigefügt, die den Ruhm der Release Group mit der Kopie verbreiten soll. Auf verdeckten Websites wird die Ankunft der Dateien protokolliert – denn diese „Races“ genannten Wettläufe werden von den verschiedenen Teams mitunter nur um Minuten gewonnen.
Damit fällt der Startschuss für das Rennen der „Trader“: Sie verteilen die frisch geknackte Datei nun auf zahlreiche Server weiter. Eine Trader-Gruppe gewinnt, wenn sie die meisten Dateipakete verbreitet hat – auch das wird protokolliert. „Ich sitze im Schnitt zwei bis drei Stunden täglich daran“, sagt der Trader Diers. Doch manche kommen auf 18 Stunden, lassen sich sogar vom Computer wecken, wenn eine Gruppe etwas „veröffentlicht“ hat.
Für den normalen Internetnutzer sind die Dateien damit noch nicht verfügbar. Denn von Filesharing-Netzwerken wie Piratebay hält sich die Szene fern, sagt Diers. Doch „schwarze Schafe“ befüttern gegen Bezahlung Server, auf denen mit Werbung oder Abo-Gebühren Gewinne erzielt werden – und so landet die Kopie kurz nach dem „Release“ doch auf den Rechnern der Nutzer, von wo aus sie weiterverteilt wird. Die GVU verdächtigt darüber hinaus einen Prozessoren-Verkäufer, eine Release Group finanziert zu haben. Denn Raubkopien laufen nur auf Spielekonsolen, die mit besonderen „Mod-Chips“ ausgestattet sind. Wenn also besonders beliebte Spiele im Internet kursieren, steigt die Nachfrage nach diesen Chips. Bewiesen wurde dies allerdings bislang nicht. Auch ein großer japanischer Unterhaltungskonzern soll an eine Gruppe gezahlt haben – damit sie aufhört.
Das Gratis-Ethos der Gruppen ist widersprüchlich. „Manche erheben eine Art Urheberrecht“, berichtet Christine Ehlers von der GVU. Auch Diers ärgert es, wenn Gruppen Dateien mit ihrem Namen versehen, die andere „in mühevoller Arbeit geknackt“ haben. Die Gruppe „Pantheon“ zum Beispiel verschlüssele daher „ihre“ Dateien. „Faszinierend“ findet Diers diese Widersprüche, „das Absurdeste: nach einer Woche wurde natürlich auch dieser Schutz geknackt“.
In die laut Ehlers „höchst konspirativ organisierte“ Szene führen viele Wege. Der Kopf einer bekannten Gruppe kopierte als Praktikant in einem schwedischen Softwarehaus in der Mittagspause eine Gold-CD, also den Ur-Datenträger eines noch nicht erschienenen Programms – und war damit natürlich in der Szene willkommen. Über die Aufnahme neuer Mitglieder in die streng hierarchisch geordneten Gruppen entscheidet der „Leader“, meist der Gründer der Gruppe. „Stellenanzeigen“, etwa für Supplier, sind den Raubkopien beigefügt. Der Kontakt wird über diskrete Chat-Kanäle aufgenommen. Wer eine Regel verletzt, etwa eine bereits veröffentlichte Datei nochmals in derselben Qualität „releast“, fliegt raus – „die sind teilweise organisiert wie ein Kleingartenverein“, staunt Ehlers.
Die Piraterie müsste an der Wurzel bekämpft werden – da sind sich Diers und Ehlers erstaunlich einig. Das gestaltet sich schwierig: Denn die Staatsanwaltschaften würden zu sehr auf die „Gewerblichkeit“ der Tat schauen, sagt Ehlers. Das führe „zu der paradoxen Situation, dass einem Flohmarkthändler, der wenige illegale Kopien verkauft, eine höhere Strafe droht als einem Release-Gruppen-Mitglied, dessen illegale Kopie einen viel größeren Schaden verursacht“.
Dennoch hat Diers „fast nie“ Gewissensbisse – auch wenn er selbst beruflich Programme herstellt. Als nächstes „Major-Release“ kündigt er übrigens Windows 7 an. Zwei, drei Gruppen würden bereits seit Wochen daran arbeiten.

Advertisements