Mäppchen für die Journalisten

Feuilleton, Print

26. Januar 2009 Als vor etwa zwei Jahren die Kanzlei Lovells ihrer Mandantschaft „Crisis Communication“ anbot, beschritt sie damit in Deutschland augenscheinlich Neuland. Eine Wirtschaftskanzlei als PR-Berater? Ein hanseatischer Anwalt kommentierte das etwas knurrig mit „Das ist PR, aber vor allem für Lovells!“

Nun starten Stephan Holzinger und Uwe Wolff mit ihrem Buch „Im Namen der Öffentlichkeit“ einen weiteren Versuch, den deutschen Markt für diese auf Rechtsstreite spezialisierte Art der Öffentlichkeitsarbeit zu gewinnen. „Litigation PR“, das heißt: Spezialisierte Berater sollen gerichtliche Auseinandersetzungen flankieren. Die Autoren unterscheiden diese Art der PR von sonstiger Krisenkommunikation, die etwa im Nachgang entgleister ICEs oder explodierter Reaktoren notwendig wird.

Denn die langsam mahlende Justiz sorge für andauernde Medienaufmerksamkeit – und damit für permanenten Bedarf an Öffentlichkeitsarbeit. Hinzu kommt die Komplexität rechtlicher Zusammenhänge. Mit Kanzlei-PR wollen die Autoren ihr Produkt freilich nicht verwechselt sehen. Das ist indes ein Gebiet, in dem Holzinger reichlich Erfahrung sammelte: Noch bis vor kurzem beriet er mit sichtbarem Erfolg den für die Vertretung von Telekom-Aktionären bekannten Anwalt Andreas Tilp.

Holzinger und Wolff haben vom PR-Desaster um den Unternehmer Alexander Falk bis zum Prozess um O. J. Simpson eine Reihe von Fällen mit interessanten Details dargestellt. Neben schillernden Rechtspersönlichkeiten aus dem angloamerikanischen Raum wie dem Revisionsspezialisten Alan Dershowitz kommt auch deutsche Juristenprominenz zu Wort. Gleich zweimal darf die Richterin Brigitte Koppenhöfer berichten, seit dem von ihr geführten Strafprozess gegen Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann sei sie im Umgang mit den Medien lässiger geworden, gehe nun nicht einmal vor dem ersten Sitzungstag zum Friseur. Neben unterhaltsamen Details wie diesen zeigt das Buch auch tragische Konsequenzen unzureichender Medienarbeit, wie den Fall des früheren Pro-Sieben-Moderators Andreas Türck. Der wurde juristisch zwar von allen Vergewaltigungsvorwürfen freigesprochen, arbeitet seitdem aber nur noch hinter der Kamera.

Mediale Deutungshoheit zurückzugewinnen, das soll die Kernaufgabe von „Litigation-PR“ sein. Daneben kann etwa in Zivilverfahren der Gegner durch Öffentlichkeitsarbeit unter Druck gesetzt werden und stimmt dann schneller einem Vergleich zu. Den Autoren ist zuzustimmen, dass es der Branche an justizbezogener Spezialisierung fehlt. Zum Prozessauftakt eines komplexen Wirtschaftsverfahrens ein Mäppchen mit Zeitstrahl und den wichtigsten Fakten für die gehetzten Journalisten anbieten – welcher Kollege würde dort nicht einen längeren Blick hineinwerfen?

Etwas zu oft verlagern die Autoren ihren Wirkkreis von den Medien in den Gerichtssaal. Justitia schiele unter ihrer Augenbinde hindurch, die Justiz sei zunehmend medienbeeinflusst, heißt es dann. Wer diese These ernst nimmt, lädt sich eine schwere Hypothek aufs Lesevergnügen. Denn die Belege hierfür sind dünn, manche Interviewpartner widersprechen dieser Annahme geradezu. Die für die Autoren so prägende amerikanische Justiz gehorcht gänzlich anderen Mechanismen als die deutsche. Oder werden wir in der BRD wirklich „eine zunehmenden Nähe des Rechts zu popkulturellen Errungenschaften“ erleben, wie die Autoren insinuieren? Werden Rechtsvisualisierungen im Prozess zum Alltag? Dafür soll ausgerechnet der Fall des Münchener U-Bahn-Schlägers herhalten. Doch die Erfahrung zeigt bislang: Richter weisen mediale Beeinflussung weit von sich. Schnell kann eine PR-Kampagne also nach hinten losgehen.

Das Buch lohnt sich als Lesebuch für Pressesprecher, PR-Leute und Anwälte. Die soziologischen Ergüsse der Autoren über Journalisten und Juristen und deren angespanntes Verhältnis sind streckenweise entlarvend. Offen bleibt die Frage, wie „Litigation-PR“ umgesetzt wird – wofür man also zahlt. Das sagen Wolff und Holzinger nicht. Vielleicht wollen sie ihren wenigen Wettbewerbern in diesem jungen Geschäft nicht alles verraten.

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