Juristen auf den Spuren der Unvernunft

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FRANKFURT, 5. Januar. Juristen gelten als rationale Zeitgenossen. Ohne Ansehen der Person, mit verbundenen Augen, urteilt Justitia. Dennoch gibt es Grundannahmen über den Menschen in der Rechtswissenschaft. Das Bundesverfassungsgericht kennt das „Menschenbild des Grundgesetzes“. Ob ein Vertrag sittenwidrig ist, darüber entscheidet das „Anstandsgefühl aller billig und gerecht Denkenden“. Und im Strafrecht entscheidet die „Ex ante“-Sicht des Täters, also seine Perspektive zum Zeitpunkt der Tat, ob er den späteren Tod des Opfers in Kauf genommen hat. Dennoch haben Rechtswissenschaftler in Deutschland der empirischen Verhaltensforschung bislang nicht gerade Tür und Tor geöffnet.
Immerhin, Ökonomen dürfen seit einiger Zeit auch in deutschen Juristenkreisen mitreden. Vor etwa vierzig Jahren fiel mit einem Aufsatz des späteren Nobelpreisträgers Ronald Coase der Startschuss für eine neue Sicht der Dinge, genannt „Ökonomische Analyse des Rechts“. Das Recht setzt nur den Preis für Handlungsalternativen fest, glauben ihre Vertreter. Sie nutzen den Homo oeconomicus als Verhaltensmodell – den informierten, vernünftig handelnden Menschen, der seine Entscheidungen anhand von Kosten-Nutzen-Analysen fällt. Mit erheblicher Verzögerung ist diese Disziplin auch in Deutschland angekommen.
Doch dort hat inzwischen auch ihre größte Kritikerin Fuß gefasst: die Theorie von „Behavioral Law and Economics“, kurz BLE. Deren Grundthese lautet: Den Homo oeconomicus gibt es nicht, Menschen handeln irrational – das aber mit System. Sie bedient sich unter anderem der Erkenntnisse des Psychologen Daniel Kahneman und des Ökonomen Amos Tversky. Die beiden späteren Nobelpreisträger haben nachweisen können, dass Menschen, abhängig von bestimmten Faktoren, in vorhersehbarer Weise unvernünftig handeln („Prospect Theory“). Denn sie benutzen intuitiv das immer gleiche Arsenal von Faustregeln.
Holger Fleischer von der Universität Bonn macht etwa systematische Selbstüberschätzung dafür verantwortlich, dass ein hoher Prozentsatz von Unternehmenskäufen und -verschmelzungen scheitert. „Viele Unternehmensführer handeln überoptimistisch“, erläutert der Zivilrechtler und Ökonom die Wahrnehmungsverzerrung in vielen Vorstandsetagen. Solchen Missständen kann man regulatorisch begegnen. Aktienrechtlich kann schon jetzt ein Vetorecht des Aufsichtsrats die überoptimistische Kauflust abfedern. Doch die Verhaltenswissenschaften helfen nicht nur, schon existierende Regeln zu überprüfen. „Juristen können so auch Fälle identifizieren, in denen das Recht noch nicht in dieser Weise schützt“, glaubt Fleischer.
Eine andere Spielart der Selbstüberschätzung bezeichnet der „Rückschaufehler“. Menschen, die den Ausgang eines Geschehens kennen, überschätzen regelmäßig seine Vorhersehbarkeit. Kurz gesagt: Im Nachhinein haben es alle vorhergesehen, sei es nun ein Verkehrsunfall oder eine Unternehmenspleite. „Das kann beispielsweise dazu führen, dass Richter eine Haftung vorschnell bejahen, weil sie von einem zu rigiden Fahrlässigkeitsmaßstab ausgehen“, schrieb der Zivilrechtler Horst Eidenmüller von der Ludwig-Maximilians-Universität München in der Juristenzeitung. Vielleicht ist es neben anderen Ursachen auch dieser Rückschaufehler, der momentan Lehman-Geschädigte gegen ihre Bankberater aufbringt: Das Emittentenrisiko einer der größten Investmentbanken wurde von vielen Beratern vorher als zu vernachlässigende Gefahr belächelt. In der Rückschau erscheinen Lehman-Zertifikate vielen dagegen als Instrument für risikofreudige Zocker. Wie objektiv kann ein Richter hier entscheiden? Amerikanische Juristen diskutieren schon eine Art bewusster Gegenwehr gegen den Rückschaufehler. Richter sollen ihre menschlichen Bewertungen entzerren – und verkommen so zu Laienpsychologen, warnen Kritiker.
Besonders beliebt unter BLE-Vertretern ist aufgrund seiner gelegentlichen Irrationalität der Verbraucher. Das ihn schützende zweiwöchige Widerrufsrecht zum Beispiel – etwa für Käufe im Internet oder an der Haustür – widerspricht eigentlich seiner Natur. „Wir tendieren dazu, ein gerade für Geld erworbenes Gut auch dann zu behalten, wenn dies nicht nutzenmaximierend ist“, beobachtete Eidenmüller. Die Statistik bestätigt: Nur sehr wenige Verträge werden widerrufen. Eidenmüller rät, dass anstelle der jetzigen Widerrufsregelung Verträge innerhalb von zwei Wochen bestätigt werden und anderenfalls platzen sollten.
Noch ist diese junge Disziplin in Deutschland alles andere als etabliert. „Behavioral Law and Economics ist immer noch ein Orchideenfach“, räumt Markus Englerth ein. Der Rechtsforscher beschäftigt sich am Bonner Max-Planck-Institut zur Erforschung der Gemeinschaftsgüter mit der Verhaltenstheorie im Strafrecht. Er macht den „Konservatismus in der deutschen Rechtswissenschaft“ verantwortlich für die Zurückhaltung der hiesigen Juristen. Außerdem nehmen empirische Untersuchungen weit mehr Zeit in Anspruch als die in der Rechtswissenschaft bislang übliche Auswertung von Literatur und Urteilen.
Doch es gibt auch inhaltlichen Gegenwind: Ökonomen verteidigen ihren Homo oeconomicus als letztlich zutreffend, da der Markt das irrationale Verhalten ohnehin ausmerze. Rechtswissenschaftler fürchten wiederum um die Eigenständigkeit ihrer Disziplin. Und angesichts mathematischer Formeln in BLE-Arbeiten dürfte sich manch einer auf den alten Spruch besinnen: „Judex non calculat“ – der Richter rechnet nicht.

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